B-15-Pano_5



Geplante Stollengröße:
60 000-75 000 m²

Geplante Stollen:
10 Hauptstollen (A-J)
23 Querstollen

Ausgeführte Stollen:
1. Ebene:
7 Hauptstollen (A-G)
15 Querstollen
2. Ebene
1 Hauptstollen (H)
angefangene Querstollen

Baubeginn: Frühjahr 1944

KZ-Häftlinge: ca. 15 000

Alleine im KZ Melk/Quarz B9
grauenvoll ums Leben
gekommen:

ca. 5 000 KZ-Häftlinge

Höhe der Stollen:
1,5 m bis 12 m
je nach Ausbaustufe

Länge der Stollen:
ca. 200 bis 600 m

Geschichte

Original-Plan Ing. Büro Fiebinger 20.04.1944
Original-Plan Ing. Büro Fiebinger 20.04.1944
Maschinenfundamente nach dem Krieg im Stollen
Maschinenfundamente nach dem Krieg im Stollen

Zur Geschichte der Stollenanlage „Quarz“ in Roggendorf bei Melk

Die immer stärker werdenden alliierten Bombenangriffe gegen die deutsche Rüstungsindustrie führten gegen Ende des 2. Weltkrieges zu einem erhöhten Bedarf an unterirdischen, bombensicheren Fertigungsstätten für die kriegswichtige Industrie.

Die Kugellagerfertigung der Steyr-Daimler-Puch Werke gehörte zu diesen Schlüsselindustrien – sie sollte daher ebenfalls in einer unterirdischen Anlage untergebracht werden. Dazu wurde eine Liste mit A-Projekten (bereits bestehende Anlagen zum weiteren Ausbau) und B-Projekten (komplett neue Anlagen) angelegt. So entstand das Projekt mit dem Decknamen „Quarz“ und der Nummer „B9“. Das B von B9 steht dafür, dass es eine neu zu schaffende Anlage war und 9 ist Zahl aufgrund der Durchnummerierung der B-Projekte.

Für die größten und wichtigsten dieser Anlagen wurde unter SS-General Hans Kammler ein eigener Sonderstab gegründet, der das Wiener Ingenieurbüro K. Fiebinger mit der Planung, der Baukoordination und der Schaffung der nötigen Infrastruktur für die Stollenanlage „Quarz“ beauftragte. Weiteres gründete dieser SS-Sonderstab die Tarnfirma „Quarz GmbH“, die für den Bau und die Vergabe der Stollen als Werksfläche zuständig war.

Mit dem Bau vom Projekt B9 Quarz wurde im Frühjahr 1944 begonnen. Es war vorerst ein Stollensystem mit 10 Hauptstollen (A-J Stollen) und 23 Querstollen geplant, wobei ein Hauptstollen eine Breite von 12 m und eine Höhe von 10 m haben sollte. Damit ergab sich ein Stollensystem mit einer Fläche von 65.000 m². Diese Stollenfläche hätte erweitert werden können, wenn eine Zwischendecke eingezogen worden wäre. Später wurde der Bauplan um 2 Hauptstollen (I & J Stollen) gekürzt, weil man beim Vortrieb des G-Stollens Probleme mit dem Grundwasser hatte. 

Die Stollenanlage war so geplant, dass der natürliche Produktionsfluss einer Fabrik ungehindert ablaufen konnte. So war im A-Stollen sogar ein unterirdischer Bahnhof geplant, der den logistischen Transport der Anlage ermöglichen sollte. Die Steyr-Daimler-Puch AG war in den Querstollen 3, 4 und 5 eingemietet und hat dort Kugellager für die deutsche Rüstungsindustrie produziert.

Weitere Stollenflächen waren vorerst für die Treibstoffindustrie („Geilenberg-Programm“) vorgesehen – diese unterirdische Raffinerie wurde jedoch nicht in „Quarz“ realisiert. Die geplante Ausbaugröße der Stollenanlage wurde bis Kriegsende nicht mehr erreicht - es wurden aber immerhin in kürzester Zeit 7 km (ca. 40.000 m²) befahrbarer Stollen erbaut.

Insgesamt arbeiteten in den Jahren 1944 bis 1945 bis zu 15.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen in einem 3-Schichtsystem an der Erbauung der Stollenanlage. Diese waren Großteils im nahen KZ-Melk untergebracht. Der Stollenbau kostete etwa 5.000 Menschen das Leben.

Nach dem Krieg wurden die von der SS hinterlassenen Maschinen in der Stollenanlage von den Sowjets/Russen abgebaut und Resteisen an einen örtlichen Schrotthändler verkauft, der ein Jahr damit beschäftigt war das verbliebene Metall aus der Stollenanlage abzutransportieren. Danach versuchten die Sowjets die Stollenanlage an ein paar Kreuzungspunkten zu sprengen um die Stollenanlage für immer im Berg verschwinden zu lassen. Das gelang aber nicht, da sie nicht mit der Standfestigkeit des Sandes rechneten und somit nur Teile der betonierten Stollendecke und ein paar Meter Sand herunter sprengen konnten. Dadurch ist das eigentliche Stollensystem bis heute erhalten geblieben. Nach dem Abzug der Besatzungsmächte begab sich auch die Bevölkerung in den Stollen und holte noch Baumaterial (Ziegel, Kanalrohre, usw.) heraus. Die leeren Stollen wurden in den 80er und 90er Jahren von Neonazis für ihre Umtriebe missbraucht. Weiteres wurde die Anlage illegal als Schießplatz verwendet und einige Besucher hinterließen ihren Müll! Deswegen wurde der Eingang im Jahre 1994 verschlossen, doch immer wieder von Interessierten aufgegraben.

Heute ist „Quarz“ nicht für die Öffentlichkeit zugänglich und praktisch unbekannt, da die Eingänge von Behörden und lokalen Unternehmen immer wieder zugeschüttet werden.

Die Stollenanlage „Quarz“ ist ein einzigartiges Denkmal von überregionaler Bedeutung. Sie stellt noch immer die größte derartige Tunnelanlage in Österreich dar und verkörpert eindrucksvoll Rüstungswahnsinn und Massenvernichtung des NS-Regimes. Bis heute existiert keine adäquate Gedenkstätte. Der Erhalt der Stollenanlage ist durch einen nahen Sandabbau bedroht. Ziel ist die Rettung der Stollenanlage in Abstimmung mit den wirtschaftlichen Interessen.

Konzentrationslager (KZ) Melk

Vertreter der SS und der Steyr-Daimler-Puch begaben sich auf die Suche nach einem geeigneten Standort für das KZ. Geplant war ein Barackenlagen genau vor dem Stolleneingang zwischen Roggendorf und der Westbahn. Dieser Gedanke wurde aber schnell fallen gelassen, da es sehr viel Zeit und Material in Anspruch nahm und somit fand sich ein geeigneter Standort in Melk in der Birago-Kaserne.

Am 21. April 1944 wurde die Kaserne von der Wehrmacht freigegeben und es wurde sofort mit dem Ausbau der Kaserne zu einem KZ begonnen. Von Mauthausen aus wurden die Häftlinge je nach Bedarf der Rüstungs- und Baufirmen nach Melk abgestellt. Zur Aufsicht der Häftlinge wurden 500 Soldaten der Luftwaffe nach Melk abkommandiert, die im Herbst 1944 zur SS überstellt wurden.

Bereits im November erhielt das KZ Melk ein eigenes Krematorium aufgrund der hohen Sterblichkeit der Häftlinge, die bis zu diesem Zeitpunkt zum Verbrennen nach Mauthausen überstellt wurden.

Durch einen Amerikanischen Luftangriff (der bis heute als Missgeschick deklariert wird) am 8. Juli 1944 kamen ca. 200 Häftlinge sofort ums Leben und weitere 200 starben schwer verletzt im Revier (Krankenbaracke). Auch bei der Wachmannschaft musste man 22 Tote beklagen.

Vom 21. April 1944 bis Mitte April 1945 wurden 14.390 männliche Personen in das KZ Melk, das eigens für den Bau der Stollenanlage eingerichtet wurde, eingewiesen!  

Zum Gedenken an alle umgekommenen Häftlinge im KZ Melk

Die Häftlinge gliedern sich nach folgenden SS-Kategorien:
+ Politische
+ Juden
+ Zivilarbeiter
+ Kriminielle
+ Kriegsgefangene
+ Wehrmachtsangestellte
+ Bibelforscher

und stammen aus folgender nationaler Herkunft:
+ Polen
+ Ungarn
+ Sowjetbürger
+ Franzosen
+ Italiener
+ Deutsche
+ Österreicher
+ Jugoslawen
+ Spanier
+ Griechen
+ Esten
+ Letten
+ Litauer
+ Holländer
+ Tschechen
+ Norweger
+ Belgier
+ Schweizer
+ Luxemburger
+ Türken
+ Portugiesen
+ Albaner
+ Staatenlose

Dies ist nur eine Kurzzusammenfassung der grausamen Dinge, die im KZ Melk und in der Stollenanlage Quarz geschehen sind und dient nur zur Information und hat keinen kommerziellen Hintergrund.